Linguistik online  13, 1/03

Eugen Lerchs "Wissenschaftsdiplomatie" - Eine Fallstudie zur frühen Rezeption des Strukturalismus in Deutschland

Klaas-Hinrich Ehlers (Frankfurt/Oder)


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Nach den landläufigen Darstellungen zur Geschichte der Sprachwissenschaft sind die internationalen Entwicklungen des Strukturalismus in Deutschland bis in die späten sechziger Jahre nahezu vollständig ignoriert worden. Zeitzeugen wie Eberhard Zwirner verwiesen im Rückblick bedauernd "auf die mehr als dreißig Jahre, die zwischen der beginnenden Prager Phonologie, der Hjelmslevschen Glossematik und den frühen Arbeiten zum Strukturalismus vergangen sind, ohne daß sie in Deutschland - mit verschwindenden Ausnahmen - überhaupt zur Kenntnis genommen worden sind" (Zwirner 1967: 412). Als Gründe für die immer wieder festgestellte und oft beklagte "Verspätung der deutschen Strukturalismusrezeption" werden in großer Übereinstimmung folgende drei Faktoren angeführt:

Diese Verspätung ist durch drei Umstände bedingt oder wenigstens mitbedingt. Durch die Isolierung der deutschen Wissenschaft während der Nazizeit, durch die große indogermanistische Tradition in der deutschen Sprachwissenschaft und durch die übermächtige Stellung der sogenannten 'Sprachinhaltsforschung'. (Stammerjohann 1969: 160)

Auch wenn gegen diese Darstellung in den letzten Jahren immer häufiger Einspruch erhoben wird [1], so hält sich die These von der jahrzehntelang ausgebliebenen Strukturalismusrezeption in Deutschland mitsamt ihren kanonischen Begründungen hartnäckig bis heute. Besonders deutlich wird dies in Jörn Albrechts im übrigen gelungenen Buch über den Europäischen Strukturalismus, das auch in der überarbeiteten Neuauflage von 2000 an der überkommenden Auffassung festhält und weiterhin ihre dreifache Begründung in Anlehnung an Harro Stammerjohann paraphrasiert (Albrecht 2000: 2). Speziell mit Bezug auf den Prager Strukturalismus behauptet neuerdings beispielsweise Norbert Nübler, der tschechische Funktionalismus sei "in Deutschland weitgehend übersehen oder ignoriert" (Nübler 2001: 63) worden. Nübler variiert nur eine besonders häufig angegebenen Begründung, wenn er für die deutsche Ignoranz gegenüber dem Strukturalismus "die totalitären Regime" verantwortlich macht, "die in Deutschland und in der Tschechoslowakei den internationalen Wissensaustausch erschwerten" (ebd.).

Ich möchte hier das tatsächliche Verhältnis deutscher Sprachwissenschaftler der Zwischenkriegszeit gegenüber den internationalen Entwicklungen ihres Faches schlaglichtartig am Fall des Romanisten Eugen Lerch beleuchten. An diesem scheinbar entlegenen Beispiel lässt sich besonders deutlich herausarbeiten, dass der Strukturalismus selbst von solchen deutschen Sprachwissenschaftlern damals nicht "übersehen oder ignoriert" worden ist, die aus heutiger Sicht gewiss als 'strukturalismusfremd' eingeschätzt werden würden. Dieses Fallbeispiel soll auch erweisen, dass alle drei Begründungen, auf die die verspätete Strukturalismusrezeption üblicherweise zurückgeführt wird, die damalige Situation und Entwicklungsdynamik der deutschen Sprachwissenschaft gar nicht oder allenfalls ungenau erfassen. So begegnen wir in Eugen Lerch einem Fachvertreter, der gerade erst "während der Nazizeit" den Anschluss an die internationalen Diskussionen suchte. Der Fall Eugen Lerchs kann außerdem aufzeigen, dass es nicht zuletzt der damals natürlich erst allmählich ausgebauten "Stellung der sogenannten 'Sprachinhaltsforschung'" zu verdanken war, dass sich die einheimische Fachdiskussion teilweise auf den internationalen Kontext umorientierte. Und die Texte Eugen Lerchs können drittens zeigen, dass die deutsche Sprachwissenschaft der zwanziger und dreißiger Jahre keineswegs vom ungestörten Fortwalten der "großen indogermanistischen Tradition" geprägt waren, sondern angestoßen durch Karl Vossler gerade dieser Tradition mit Vehemenz und beträchtlichem Erfolg in der Fachöffentlichkeit die Verbindlichkeit längst abgesprochen worden war. [2]

Der Auseinandersetzung um die sprach- bzw. literaturwissenschaftlichen Arbeiten Karl Vosslers und seiner Schüler verdankt die deutsche Sprachwissenschaft die wohl rüdesten und dauerhaftesten Polemiken ihrer neueren Geschichte. Vossler hatte mit seiner Programmschrift von 1904 die Sprachwissenschaft in zwei methodologische Lager gespalten, die schon im polarisierenden Titel der Schrift Positivismus und Idealismus in der Sprachwissenschaft (Vossler 1904) emblematisch benannt werden. Beide Lager unterschieden sich nach Vossler durch eine entgegengesetzte Forschungspraxis und einander zuwiderlaufende Forschungsziele. Der überkommene sprachwissenschaftliche Positivismus begnüge sich mit geduldiger "Materialsammlung" (Vossler 1904: 43) und verzichte entweder ganz auf jede Erklärung oder verlege die Erklärung der beobachteten Sachverhalte in diese selbst, so wie die Junggrammatiker den Lautwandel letztlich tautologisch durch Lautgesetze 'erklärten'. Gegenüber dieser scharf kritisierten "Afterwissenschaft des radikalen Positivismus" (ebd.: 4) sieht Vossler die Aufgabe echter Wissenschaft darin, die Fakten auf Ursachen zurück zu führen, die außerhalb ihrer selbst liegen, und er erhebt es zum Programm einer idealistischen Sprachwissenschaft, "den Geist als die alleinig wirkende Ursache sämtlicher Sprachformen zu erweisen" (ebd.: 63). Die zunächst "rein ästhetische", am sprachschöpferischen Individuum orientierte Sprachtheorie Vosslers geht in die "ästhetisch-historische Sprachbetrachtung" (ebd.: 94) über, wenn sie das Entstehen überindividueller Sprachkonventionen aus "den geistigen Bedürfnissen und Tendenzen der Mehrheit der sprechenden Individuen" (ebd.: 16) einer Sprachgemeinschaft herleitet. So hat für Vossler beispielsweise eine "syntaktische Regel [...] ihren Grund in der vorherrschenden geistigen Eigenart eines Volkes" (ebd.: 17). Während sich einige seiner Schüler, wie zum Beispiel Victor Klemperer, daranmachten, vor allem die Literatur "nach 'Völkerindividuen' und geistiger Verwandtschaft [zu] untersuchen" (ebd.: 94), so begann in der Sprachwissenschaft vor allem Eugen Lerch (1888-1952) Vosslers Forschungsprogramm der "ästhetisch-historischen Sprachbetrachtung" in eigenen Arbeiten umzusetzen [3].

Nach dem ersten Weltkrieg gab sich die Gruppe von Schülern und Sympathisanten Vosslers im Titel der ihm gewidmeten Festschrift Idealistische Neuphilologie (1922) einen programmatischen Namen, im Jahr 1925 gewann sie mit der von Victor Klemperer und Eugen Lerch gegründeten Zeitschrift Jahrbuch für Philologie ein eigenes Forum. Auch wenn sich hier deutliche Ansätze einer Institutionalisierung zeigten, ist zu bedenken, dass die Vertreter dieser Richtung an den Universitäten eher schwach etabliert waren und dass die Gruppe um Vossler vor allem "zu groß und zu heterogen [war], um als wirkliches Netzwerk funktionieren zu können" (Hausmann 2000: 272). Trotzdem gingen, begonnen mit den kämpferischen Frühschriften Vosslers, gerade von diesem Kreis die radikalsten Provokationen der gängigen Lehr- und Forschungspraxis in den philologischen Disziplinen an deutschen Universitäten aus, so dass die Fachdiskussion der zwanziger Jahre in erheblichem Umfang durch Impulse aus dem Umfeld des Idealismus bestimmt war. Dies um so mehr, seit mit Hans Richerts "Richtlinien für die Lehrpläne der höheren Schulen Preußens" von 1925 kulturkundliche Prinzipien im schulischen Fremdsprachenunterricht verankert wurden.[4]Spätestens jetzt, nachdem idealistische Interpretationsmuster und Gegenstandsauffassungen im schulischen Hinterland der neuphilologischen Fächer verbindlich geworden waren, sahen sich deren universitären Vertreter zu einer Auseinandersetzung mit der neuen Richtung gezwungen:

Seitdem der Ruf nach kulturwissenschaftlicher Durchdringung der philologischen Disziplinen in den Jahren nach dem Kriege immer lauter geworden ist und schließlich ohne Befragung der Universitäten zu einer Neuordnung der Unterrichtsziele auf den höheren Schulen geführt hat, ist es auch für den sprachwissenschaftliche eingestellten Universitätsdozenten an der Zeit, sich die Frage vorzulegen, ob und wieweit er in seinen Vorlesungen der neuen an die Schule gestellten Anforderungen Rechnung tragen kann. (Rohlfs 1928: 5) [5]

In den Jahren nach 1925 entbrannte eine heftige Debatte über den Sinn und die Möglichkeit einer kulturkundlichen Auslegung der neueren Philologien, die auf der Seite der traditionell orientierten Wissenschaftler zum Teil Züge eines verbissenen Abwehrkampfes annahm. Diese Abwehr der idealistischen Tendenzen erfolgte dabei nicht von einer geschlossenen Position aus, die sich auf methodologische Prinzipien berufen hätte. Vielmehr ist mit Yakov Malkiel zu bezweifeln, ob der 'Positivismus' in den zwanziger Jahren "überhaupt eine Schule war oder nicht eher das Festhalten an einer bestimmten akademischen Tradition, an einem Forschungsstil oder Forschungsmodus und an einer damit verbundenen Werteskala" (Malkiel 1988: 73). Auf der anderen Seite brachen aber selbst unter den engsten Anhängern Vosslers wissenschaftliche Differenzen auf, die zum Teil mit schmerzlichen Vertrauenskrisen verbunden waren. [6] Beispielhaft für die Kontroversen innerhalb der idealistischen Neuphilologie sei auf die Auseinandersetzung um die Historizität der Nationalcharaktere, um den sogenannten 'Dauerfranzosen', verwiesen, oder auf die strittige Frage, ob das adäquate Objekt der Kulturkunde eher die Sprache oder die Literatur einer Nation sei. Obwohl sich in den Debatten zwischen Idealismus und Positivismus genau besehen gar keine geschlossenen Fronten gegenüber standen, wurde diese Auseinandersetzung auch mehr als zwanzig Jahre nach Vosslers Kampfschrift von 1904 weithin als zweipolige Konfrontation zwischen den "Alten" und den "Jungen"[7] stilisiert und wahrgenommen. Einig war man sich bei den Alten wie bei den Jungen vor allem im Kampf gegen die gemeinsamen Gegner aus dem jeweils anderen Lager.

Was den engeren Bereich der idealistischen Sprachwissenschaft betraf, so konzentrierte sich die Polemik der Positivisten bzw. Traditionalisten unter bisweilen auffallender Schonung Vosslers auf dessen Schüler Eugen Lerch. In seinen einfachen Rückschlüssen zwischen lexikalischen oder grammatischen Eigenheiten einer Sprache auf den Nationalcharakter ihrer Sprecher sah man eine epigonale Verkürzung des geistesgeschichtlichen Ansatzes von Vossler, in der die methodologischen Schwächen der idealistischen Neuphilologie in besonders handgreiflicher Weise kulminierten.[8]Um einen Eindruck von der Schärfe des Tones zu vermitteln, sei aus der "notgedrungenen Abwehr" Lerchs gegen einen Verriss der idealistischen Neuphilologie durch Gerhard Rohlfs zitiert:

Darin charakterisiert er [Rohlfs] die ganze Richtung in Bausch und Bogen als einen Ausbund von Dummheit und Scheusäligkeit. 'Leer, aufgeblasen, geistlos, oberflächlich, haltlos, gekünstelt, unbedachtsam, schwächlich, sklavisch, mechanisch, stümperhaft, roh, unvermögend' - das ist eine Blütenlese der Koseworte, die er uns spendet (allein auf der letzten Seite). Wir treiben 'mit bekannten marktschreierischen Rezepten Bauernfang'. Kurz, wer sich eine Sammlung neuhochdeutscher Schimpfwörter anlegen will, darf an dieser ergiebigen Quelle nicht vorübergehen. (Lerch 1927a: 298) [9]

Lerch, der "den Kampf liebte" (Schramm 1955: 9), zahlte seinerseits, nicht nur auf den "Rohlfsschen Erguß" (ebd.: 315) hin, gern mit gleicher polemischer Münze zurück. Ernst Gamillscheg etwa, einem der einflussreichsten Fürsprecher des 'Positivismus', bescheinigte Lerch in einer Besprechung von dessen Etymologischen Wörterbuch, "daß er sich mit einem bloßen Ungefähr begnügt, statt den Fragen wirklich nachzugehen, daß er sich sonach mit dieser Veröffentlichung auf ein Gebiet begeben hat, [...] zu dessen Bestellung ihm vor allem die notwendigen Kenntnisse im Altfranzösischen fehlen" (Lerch 1927b: 258). Und er pariert hier Gamillschegs Kritik an Leo Spitzer, der Vossler nahe stand, mit einer mustergültigen rhetorischen 'Retourkutsche':

[Gamillscheg] schrieb über Leo Spitzer [...]' seine Forschung gehe 'mehr in die Breite als in die Tiefe', G.s eigenen Forschung geht leider weder in die Breite noch in die Tiefe. (ebd.: 264)

Aber Lerch verteidigt seine und der Vossler-Schule Auffassungen nicht nur mit den Mitteln scharfer Polemik, er sichert seine eigenen Arbeiten stets durch eine Fülle von sprachlichen Belegen ab, die seine Texte zu dickleibigen Materialsammlungen, oft noch mit Nachträgen versehen, auftreiben. Auch seine extensive Arbeit mit (historischen) Belegen ist deutlich auf eine Opposition zum positivistischen Lager berechnet, dem so möglichst wenig Angriffsfläche geboten und das gleichsam noch im eigenen Felde übertroffen werden soll. [10]

In den dreißiger Jahren verlieh Eugen Lerch der Rechtfertigung seiner idealistischen Position in der Auseinandersetzung mit ihren 'positivistischen' Kritikern eine ganz neue Dimension. Im Jahr 1933 veröffentlichte er sein Buch Französische Sprache und Wesensart, in dem er den wesenskundlichen Ansatz nicht mehr nur zur Interpretation einzelner grammatischer Phänomene nutzte, sondern in das Zentrum einer umfassenden Charakteristik einer ganzen Sprache und ihrer Sprecher rückte. [11]

Demnach ist hier zu untersuchen, inwiefern gewisse Eigenschaften, die man den Franzosen zuschreibt (etwa Rationalismus, Impulsivität, Höflichkeit oder Einstellung auf den Nebenmenschen), gewissen Eigenheiten der französischen Sprache entsprechen (etwa der streng geregelten Wortstellung). (Lerch 1933a: 1)

Dass eine solche Zielsetzung unter Fachkollegen weiterhin nicht unumstritten sein würde, war Lerch sehr bewusst. Seine eigene Sprachauffassung bezeichnet er als "manchem neu und ungewohnt", sie sei "auch nicht die vorherrschende", ihr gegenüber stehe vielmehr die üblichere "Auffassung, daß in der Sprache alles zwangsläufig und mechanisch vor sich gehe" (ebd.) und also nicht von den Sprechern schöpferisch gestaltet werden könne.

Die Kritik ließ denn auch nicht lange auf sich warten. Die profundeste stammte wohl von dem Hamburger Romanisten Harri Meier, der das Buch in der Zeitschrift Die Neueren Sprachen auf vierzehn Seiten einer eingehenden methodenkritischen Revision unterzog. Meier warf Lerch hier nicht nur eine Reihe von Irrtümern und inkohärenten Argumentationsgängen vor, sondern stieß sich vor allem daran, dass Lerch die "sprachgeschichtliche Betrachtungsweise als Ballast über Bord" (Meier 1934: 216) werfe und die Begriffe der "Sprachcharakterisierung des 17. und 18. Jahrhunderts wiederaufleben" (ebd.: 221) lasse. Er sieht bei Lerch "die Gefahr eines Rückfalls in eine normative und psychologistische Sprachbetrachtung", innerhalb derer "die systematisch und historisch vergleichende Methode [...] keinen Platz mehr" (ebd.: 228) habe. Diese Einwände parierte Lerch noch im selben Jahrgang der Neueren Sprachen mit einer noch ausführlicheren Anti-Kritik, der er den Charakter von "grundsätzlichen Erörterungen" (Lerch 1934a: 375) verlieh. Er stehe mit seiner Position nämlich nicht allein, sondern wisse sich mit "einer ständig wachsenden Zahl von jüngeren Forschern" (ebd.) einig. Dagegen sei Meiers Kritik symptomatisch für die Auffassungen "von zahlreichen anderen Gelehrten", denen es immer noch schwer falle, "sich in ungewohnte Gedankengänge hineinzuversetzen" (ebd.). Gegenüber der "neuen Sprachwissenschaft", die Lerch schon im Titel seiner Anti-Kritik proklamiert, bescheinigt er seinen Gegnern also methodologische Rückständigkeit. Wie schon in den zwanziger Jahren stilisiert Lerch die Auseinandersetzung um seine bzw. Vosslers Position als sprachtheoretische querelle des anciens et des modernes:

Es handelt sich um den Gegensatz zwischen der älteren Auffassung, welche Sprachwissenschaft und Sprachgeschichte gleichsetzt und daher nur die historische Forschungsweise als berechtigt anerkennt, und den neueren Bestrebungen, die Sprache nicht nur als ein Sich-Entwickelndes, sondern auch als ein Ruhendes, als ein Seiendes zu begreifen. (ebd.)

Im Jahr 1934 beruft sich Lerch nun überraschend auf Ferdinand de Saussure und seine Schüler und ordnet den Gegensatz zwischen alter und neuer Methodologie in der Linguistik der saussureschen Dichotomie von Synchronie und Diachronie zu:

Die neue statische (synchronische) Sprachbetrachtung sieht in der Sprache ein Ganzes (ein Gefüge, ein 'System'). Dadurch unterscheidet sie sich von der Sprachbetrachtung des 19. Jahrhunderts, dem die Sprache 'als ein immer Werdendes überwältigend ins wissenschaftliche Bewußtsein getreten' war. (ebd.: 377) [12]

Als Vorläufer der "neue[n] Art der Sprachbetrachtung" wird hier Anton Marty benannt, bei Saussure und seinen Schülern sei sie zuerst "verwirklicht" (ebd.: 376) worden, in der deutschen Sprachwissenschaft verweist Lerch beispielhaft auf "die neuere Wortforschung (Weißgerber [sic], Ipsen, Jost Trier)" (ebd.: 377).

Die Konstruktion einer solchen Traditionslinie und die Anbindung gerade an den genannten Diskussionskontext muss in jeder Hinsicht verblüffen. In Lerchs Französische Sprache und Wesensart wird Saussure kein einziges Mal auch nur erwähnt. Dasselbe gilt für Marty. Beide spielen auch in älteren Texten Lerchs, soweit ich sehe, keine Rolle. Die Veröffentlichungen des Saussure-Schülers Charles Bally hatte Lerch zwar stets mit Interesse verfolgt, vermochte ihm aber gerade "im Theoretischen [...] nicht zu folgen" (Lerch 1929: 362). Und was den Verweis auf die neuere deutsche Wortforschung betrifft, so hatte Fritz Schalk an Lerchs Buch mit Recht kritisiert, dass "Triers bekannte Arbeiten" dort gerade ignoriert würden und Lerch ohne Rücksicht auf die wortfeldtheoretischen Erkenntnisse an der "ungeschichtlichen Methode des Vergleichens isolierter Wörter"[13] verschiedener Sprachen festhalte. In Französische Sprache und Wesensart hatte Lerch sich denn auch noch in eine ganz andere Traditionslinie gestellt:

Die hier vertretene Auffassung geht auf Wilhelm von Humboldt zurück. In der Gegenwart ist ihr Hauptvertreter der Romanist Karl Voßler. In der Anglistik zeigt sie sich bei Max Deutschbein [...] ferner bei Karl Wildhagen [...] und bei Gustav Hübener [...]. - Unter den Sprachvergleichern ist der verstorbene F.N. Finck zu nennen sowie sein Schüler Ernst Lewy [...]. Auch Leo Spitzer steht in seinen zahlreichen Arbeiten dieser Auffassung nahe. (Lerch 1933a: 2, Anm 1)

Von einem Jahr zum anderen richtete sich Eugen Lerch also scheinbar auf einen völlig anderen sprachtheoretischen Bezugskontext aus. Um diese jähe Umorientierung in ihrem Ausmaß bestimmen und in ihren Motiven ergründen zu können, muss genauer untersucht werden, welche Rolle Saussure in Lerchs Verteidigung der "neuen Sprachwissenschaft" tatsächlich spielt.

Auffällig ist zunächst, dass Lerch sich hier gar nicht unmittelbar mit Saussures Cours de linguistique générale auseinandersetzt, also seine Argumentation keineswegs aus einer - und sei es auf Einzelpassagen beschränkten - Lektüre dieses Grundlagentextes entwickelt. Zitiert und paraphrasiert werden stattdessen ausschließlich Texte Walther von Wartburgs und Jost Triers, die sich ihrerseits auf Saussure beziehen. [14] Der Saussure, auf den Lerch sich stützt, ist also eine bereits durch die intensive Rezeption bei Wartburg und Trier aufbereitete Größe. Wie weit Lerch mit dem Text des Cours oder seiner deutschen Übersetzung damals überhaupt vertraut war, sei dahingestellt. Fest steht, dass ein solcher 'Saussure zweiter Hand' für die Rechtfertigung und Anti-Kritik Lerchs in mehrfacher Hinsicht näher lag als die Berufung auf den Originaltext.

Indem sich Lerch an die Darstellungen Wartburgs und Triers hält, um sich an Saussure anzulehnen, verweist er nicht nur auf eine fachliche Autorität aus dem Ausland, sondern verleiht der strukturalen Sprachkonzeption zugleich Relevanz und Aktualität für die deutsche Diskussion. Auch in wissenschaftsgeschichtlicher Hinsicht wird Saussure bei Lerch gleichsam einheimisch gemacht:

Nach Jost Trier ist der Gedanke der sich ausgliedernden Ganzheit, der Humboldt vertraut war, uns Heutigen erst durch Saussure zurückgewonnen worden. (Lerch 1934a: 379)

Diese doppelte Anbindung an den einheimischen Kontext mag nach 1933 wichtiger gewesen sein als zuvor. Lerchs neue Sprachwissenschaft ist demnach nicht nur Sache des - gar romanischen - Auslands, sondern eine aktuell wie traditionell deutsche Angelegenheit, die sich allerdings mit den modernsten Strömungen des Auslands demonstrativ einig zeigt.

Wartburgs und Triers Saussurebild steht aber dem idealistischen Ansatz Lerchs auch inhaltlich bedeutend näher als der Originaltext des Cours. Dies wird besonders augenfällig an der Definition von Sprache, die Lerch zitierend von Wartburg übernimmt:

Eine Sprache, so wie sie in einem bestimmten Augenblick virtuell im Geiste eines Menschen besteht, ist ein geschlossenes System von Ausdrucksmitteln, in dem jeder Teil den anderen bedingt und zugleich von ihm abhängt und dessen ganze Struktur in engem Zusammenhang steht mit der gesamten Wesensart (von mir [Lerch] hervorgehoben) des sie tragenden Volkes. (Lerch 1934a: 376) [15]

Wartburg stückt der saussureschen Konzeption der langue durch einen einfachen Zusatz ("und dessen ganze Struktur ...") eine kulturkundliche Dimension an, die im Cours de linguistique générale ausdrücklich aus dem inneren Bereich der Sprachwissenschaft verwiesen und überhaupt mit größter Skepsis behandelt worden war. Gerade Wartburgs wesenskundlicher Appendix zur linguistischen Systemtheorie Saussures wird von Lerch dann seinerseits zusätzlich "hervorgehoben". Wenn mit Lerch "die Sprachbetrachtung der Gegenwart [...] 'aufs Ganze'" (ebd.: 377) geht, dann ist damit ein durch den Cours kaum gedeckter Überschuss auch auf das Ganze des Nationalcharakters gemeint. Diese Transformation Saussures zum Gewährsmann für die "Nationenkunde" ist auch im terminologischen Detail zu beobachten, wenn Lerch die strukturalen Grundbegriffe förmlich ein-deutscht und so der eigenen Sprachkonzeption anverwandelt:

Statt der Ausdrücke 'Struktur' oder 'System' würde ich lieber die Ausdrücke 'Gefüge' oder 'Wesensgestalt' gebrauchen. Die Sprache hat für mich (und für v. Wartburg) ein Gefüge, eine Wesensgestalt. (ebd.: 376)

Auch in einer weiteren Hinsicht entfernt sich Lerch mit seiner Orientierung an Wartburg und Trier vom Text des Cours. Im ersten Abschnitt seiner Anti-Kritik hatte er mit der Berufung auf den Synchronismus Saussures seine eigene Sprach- bzw. Nationencharakteristik gegen die Ansprüche der "einseitig sprachgeschichtlichen und entwicklungsgeschichtlichen Sehweise" (Lerch 1934a: 379) verteidigt, die Meier geltend gemacht hatte. Im zweiten Abschnitt des Textes folgt er dann aber Gedankengängen Wartburgs und Triers, die etwa seit 1931 nach Wegen suchten, Saussures strikte Trennung von Synchronie und Diachronie zu überbrücken. [16] Auch Lerch vertritt hier die Ansicht, der Synchronismus sei als Gegenbewegung zur historischen Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts "gewiß notwendig" und "ein Verdienst Saussures" (ebd.: 380) gewesen, die Sprachwissenschaft dürfe bei dieser "Zerspaltung" aber "nicht stehen bleiben" (ebd.). Sprache wird mit Trier in diachronischer Hinsicht als "ein sich wandelndes Gefüge, oder besser: ein Folge von Gefügen" (ebd.) betrachtet, und erst mit der Untersuchung dieses Gefügewandels gelange die Sprachwissenschaft "zu wahrhaft geschichtlicher Forschung" (ebd.: 381).

Dieser Nachvollzug der Saussure-Kritik Jost Triers entlastet Lerch von Meiers Vorwurf, er habe sich mit der Ausarbeitung seiner Nationenkunde von der geistesgeschichtlichen Sprachwissenschaft Vosslers mehr und mehr verabschiedet (cf. Meier 1934: 217ff.). Auch Lerchs sprachcharakterisierender Ansatz lässt sich mit dieser Referenz als auf höherer Stufe "wahrhaft geschichtlich" profilieren:

Durch die neue Sicht der Sprache als eines Seienden wird also die ältere Sicht der Sprache als eines Werdenden, Sich-Wandelnden keineswegs aufgehoben - im Gegenteil, sie findet durch die neue Sicht erst ihre Erfüllung. (Lerch 1934a.: 381)

Ähnlich wie Vossler so stellt auch Lerch die synchronistischen Züge seiner "neuen Sprachwissenschaft" trotz ihres revolutionären Gestus' letztlich doch "hinein in das herrschende Paradigma der Sprachwissenschaft seiner Zeit: in die diachronische Sprachwissenschaft" (Trabant 2000: 259). Harri Meiers Beharren auf den Errungenschaften der historisch-vergleichenden Linguistik kann auf dem argumentativen Umweg über Saussure und Trier dennoch als gleichsam doppelt rückständig blamiert werden: Wem 1934 die Prinzipien der synchronen Sprachwissenschaft erst erläutert werden mussten, der war auch in sprachhistorischer Hinsicht methodologisch noch nicht imstande, "zu wahrhaft geschichtlichen Fragestellungen" (Lerch 1934a: 381) vorzudringen.

An dieser Stelle seiner "grundsätzlichen Erörterungen" verliert Lerch nun rasch das Interesse an seinen Gewährleuten Saussure, v. Wartburg und Trier. Seine folgenden Erörterungen zum Sprachwandel heben wie gehabt "die Bedeutung des Schöpferischen in der Sprache" (ebd.: 382) und das "Eingreifen der Grammatiker" (ebd.: 385) in die diachronischen Prozesse hervor. Dass mit dieser Konzeption des Sprachwandels zumindest andere Schwerpunkte gesetzt werden als in der Sprachinhaltsforschung, bleibt unerwähnt, im Gegenteil wird auch hier anfangs noch Übereinstimmung mit Trier demonstriert - ("das meint auch Jost Trier" (ebd.: 383)) - , ohne dass aber dessen Vorgaben noch im Einzelnen gewürdigt würden. Der längste Teil der ganzen Abhandlung, die Passagen zu den Wesensmerkmalen eines Volkes und zur Zielsetzung des Sprachvergleichs kommen dann ganz ohne Rekurse auf Saussure und seine deutschen Rezipienten aus.

Erst am Schluss seines Textes greift Lerch noch einmal auf Walther von Wartburg zurück. Mit einem Wartburg-Zitat wird im letzten Satz hervorgehoben, "was die Verschiedenheit des Schicksals, des Bodens, des Blutes für das Werden des menschlichen Geistes bedeutet" (Lerch 1934a: 397). Neben den Einfluss von "Erziehung" und "gemeinsame[m] Kulturwille[n]" rückt so ein zeitgemäßer Blut-und-Boden-Determinismus, der auf den Geist und damit auch auf "dessen vornehmsten Ausdruck, die Sprache" (ebd.), einwirke. Mit diesem entliehenen Abschlussornament signalisiert Lerch, dass seine "neue Sprachwissenschaft" bei Bedarf auch politisch zu kontextualisieren sei. [17]

Doch zurück zu den wissenschaftlichen Kontexten, in die sich Lerch hier einreiht. Wir hatten festgestellt, dass seine Hinwendung zu Saussure völlig unvermittelt und spät erfolgt und somit den Eindruck erweckt, hier solle die längst eingenommene Position der idealistischen Sprachwissenschaft nachträglich mit strukturalen Tendenzen verknüpft werden. Saussure spielt dabei überhaupt nur in den einleitenden Passagen von Lerchs Programmschrift eine Rolle, und das Interesse an seiner Sprachkonzeption ist nur auf wenige Themenbereiche beschränkt (Ganzheit, Primat der Synchronie). Wo immer sich Lerch auf den Genfer Indogermanisten bezieht, nimmt er zudem den Blickwinkel Wartburgs und Triers ein, die die Vorgaben des Cours ihrerseits eigenständig interpretiert bzw. weiterentwickelt hatten (Struktur als Wesensgestalt, Diachronie als Gefügewandel). Lerchs 'Entdeckung' Saussures steht auch in zeitlicher Hinsicht unter dem eindeutigen Einfluss aktueller Veröffentlichungen Wartburgs und Triers. Hier könnte eine persönliche Bekanntschaft mit Trier, der Mitte 1932 an das germanistische Seminar der Universität Münster berufen wurde, an welcher auch Lerch seit 1930 lehrte, verstärkend oder sogar auslösend gewirkt haben. [18]

Gemessen am Originaltext des Cours mag man Lerchs nachträgliche, selektive und stark präformierte Saussure-Rezeption als "eine grobe Verkennung der neuen Lehre" (Stempel 1978: 12) bewerten. Seine plötzliche Annäherung an Saussure ist aber mehr als ein bloßes Selbstmissverständnis, zu dem ihn geistesgeschichtliche Auslegungen des Cours verleitet hätten, die in Deutschland seinerzeit aktuell diskutiert wurden. Das jedenfalls legt eine Rezension zu Wartburgs Buch Évolution et structure de la langue française nahe, die Lerch ebenfalls im entscheidenden Jahr 1934 publizierte. Diese Besprechung, die insbesondere Wartburgs Umgang mit Saussure beleuchtet, ist als Kommentar auch zu Lerchs eigener Saussure-Rezeption zu lesen. Eingangs lobt Lerch, dass Wartburgs Buch "nach Anlage und Ausdrucksweise für weitere Kreise bestimmt ist" (Lerch 1934c: 287). Zu Recht weise Wartburg hier mit Saussure den Absolutheitsanspruch der geschichtlichen Sprachforschung zurück. Er versuche aber zugleich über Saussure hinaus "eine Verbindung der historischen (diachronischen) Methode mit der Strukturforschung" (ebd.: 288). Lerch stimmt auch Wartburgs wesenskundlicher Erweiterung der saussureschen Sprachkonzeption zu, und bringt zum Beleg dasselbe Wartburg-Zitat, auf das er sich auch in seiner Anti-Kritik gegen Meier beruft. Anders als dort zeigt sich Lerch hier aber der großen inneren Spannung bewusst, die Wartburgs Verknüpfung von Saussures Systembegriff mit der nationalen "Wesensart" aufbaut:

Indem nun v. Wartburg eine Beziehung zwischen dem Gefüge der Sprache und der Wesensart des diese Sprache sprechenden Volkes annimmt (in jedem Augenblick ihrer Geschichte), verbindet er Gedanken Voßlers (der die 'deskriptive' Methode ablehnt) mit Gedanken Saussures und seines Schülers Ch. Bally, der seinerseits eine Beziehung zwischen Sprache und 'Wesensart' nicht anerkennt. (ebd.: 288)

Ähnlich verfahre Wartburg, wenn er einerseits die Sprachgeschichte in Wechselwirkung mit Kultur- und Sozialgeschichte setze, aber sie andererseits auch "ihren eigenen Tendenzen" (ebd.) gehorchen lasse. Wartburgs Versuche, eigentlich widerstrebende Konzepte zu vereinigen, beurteilt Lerch nun überraschenderweise ganz im Licht eines pragmatischen Kalküls:

Wenn ich auch selbst mich mit diesem Kompromiß nicht befreunden kann, so weiß ich doch, daß gerade diese vorsichtige Art wesentlich zu dem Erfolg des Buches beitragen wird. Vom Standpunkt der Wissenschaftsdiplomatie könnte man es sogar begrüßen, daß die neue Richtung der Sprachwissenschaft nunmehr nicht bloß in der kühnen, aufs Ganze gehenden Art Voßlers vertreten ist, die die Vertreter der älteren Anschauung 'vor den Kopf stoßen' mußte, sondern auch in der behutsamen Art v. Wartburgs, die zwar nur einen Teil von Voßlers Gedanken übernimmt, dafür aber diesem Teil bei den Älteren vielleicht eher zur Anerkennung verhelfen wird.(ebd.)

Offensichtlich hat sich Lerch im Laufe des Jahres 1934 doch noch mit der wartburgschen Linie der Kompromisse "befreunden" können. Auch wenn seine grundsätzlichen Erörterungen zur neuen Sprachwissenschaft dadurch im Ergebnis "weniger kühn als Voßler und mehr im Sinne Ballys und der älteren Schule" (ebd.) ausfallen mussten, konnte sich auch Lerch mit seiner Annäherung an Saussure und die Wortfeldforschung "eher [...] Anerkennung" erhoffen, als durch ein Beharren auf kompromisslos idealistischen Thesen. Lerch 'verkennt' (cf. Stempel 1978: 13) die argumentative Brüchigkeit des Kompromisses zwischen Strukturalismus und Nationenkunde also nicht, er nimmt sie aus taktischen Erwägungen in Kauf. Seine Anti-Kritik auf Harri Meier ist ein Dokument der "Wissenschaftsdiplomatie", in dem die idealistische Schule auf "behutsame Art" den Ausgleich mit wirkungsmächtigen Koalitionspartnern sucht.

Später erweiterte Eugen Lerch seine diplomatische Einvernahme internationaler Strömungen des Strukturalismus ausdrücklich auch auf die Prager Schule der Linguistik. Lerch legte 1939 eine mit acht Seiten Umfang recht detaillierte Rezension des 1936 erschienenen sechsten Bandes der Travaux du Cercle linguistique de Prague vor, und wieder wird der Verweis auf diese Schule eingebracht, um den eigenen Ansatz gegen Angriffe zu immunisieren:

Wenig bekannt auch, daß in Prag ein ganzer Kreis von Forschern sich erfolgreich der sprachlichen Strukturforschung widmet. Andernfalls wäre mein Versuch 'Französische Sprache und Wesensart' nicht von H. Meier (N. Spr. 1934, S. 215ff.) als etwas völlig Neues und Unzulässiges angesehen worden [...] (Lerch 1939a: 108)

Wie schon 1934 wird Harri Meiers Kritik auf schlichte Unkenntnis des methodologischen Hintergrundes von Lerchs Arbeiten zurückgeführt. Überhaupt vertritt Lerch hier die These, große Teile der deutschen Sprachwissenschaft hätten den Anschluss an die internationalen Entwicklungen ihres Faches verloren. [19] In Prag und andernorts werde "die Sprache (und die Literatur) als Struktur und als Funktion betrachtet" (ebd.):

Die Berechtigung einer solchen Betrachtungsweise wird bei uns noch kaum anerkannt. (ebd.)

Lerch bemüht sich aber zugleich, die "Berechtigung" auch seiner eigenen Sprachauffassung nicht nur durch Verweise auf ausländische Autoritäten (Marty, Saussure, Bally, Sechehaye, Jespersen) zu stützen, sondern benennt mit Jost Trier und Walther von Wartburg wieder zwei anerkannte Gewährsmänner aus dem Inland. Und wie fünf Jahre zuvor wird die Entwicklung der "neuen Sprachwissenschaft" an die einheimische Fachtradition zurückgebunden, um sie zu legitimieren:

Aber weniger bekannt ist, daß Saussures 'Linguistique synchronique' auf Gedanken Humboldts zurückgeht (cf. Jost Trier, Deutsche Bedeutungsforschung [...]). (ebd.)

Hier wiederholt Lerchs Besprechung also getreu Argumentationsfiguren seines fünf Jahre älteren Textes zur "neuen Sprachwissenschaft".

Lerchs Rezension greift aus den vierundzwanzig Beiträgen des Travaux-Bandes nur eine kleine Auswahl von Aufsätzen heraus, die er vorstellt und zum Teil mit Kommentaren versieht. Wie kaum anders zu erwarten, legt er dabei besonderes Schwergewicht auf allgemeine Beiträge und Arbeiten zu Problemen der Syntax. Hierbei wird jeweils vor allem geprüft, ob die einzelnen Autoren "die Bedeutung der Stimmführung für die Satzdefinition" (ebd.: 112) anerkennen, die Lerch selbst ein Jahr zuvor in einer langen Abhandlung zum "Wesen des Satzes" (Lerch 1938) herausgestrichen hatte. Für seine Auffassung des Satzes als "eine sinnvolle sprachliche Äußerung, die durch die Stimmführung als abgeschlossen gekennzeichnet ist" (ebd.: 196), findet Lerch in den Travaux Bestätigung in den Texten von Henrik Becker und Friedrich Slotty. Mit Vilém Mathesius stimmt er - in Abgrenzung zu Saussure und Gardiner - überein, dass abstrakte Satzmodelle "zweifellos der Sprache (la langue) an[gehörten]" (Lerch 1939a: 112) und die Syntax somit nicht nur auf den Bereich der parole zu begrenzen sei. Die Argumentation in Mathesius' Beitrag "ergänzend" weist er wie schon in Lerch (1938) darauf hin, den verschiedenen Satzmodellen korrespondiere jeweils ein "allgemeine[s] Schema der Stimmführung" (Lerch 1938: 154). Auch bei Karl Bühlers allgemeinem Entwurf zum "Strukturmodell der Sprache" (Bühler 1936) konzentriert sich Lerchs Rezension vor allem auf die knappe Einleitungspassage zum Begriff des Satzes. Seine in Teilen kritische Haltung zu Bühler wird hier nur in aller Kürze angedeutet. In seiner Abhandlung zum Satzbegriff hatte sich Lerch 1938 extensiv mit Bühlers Sprachtheorie auseinander gesetzt und dabei unter anderem dafür plädiert, dessen Konzeption dreier Sprachfunktionen in Anlehnung an die verschiedenen Satzmodi weiter aus zu differenzieren. In der Besprechung von Bühlers Travaux-Beitrag streift Lerch dessen Organonmodell nur und greift lediglich seine Kritik an Bühlers Versuch wieder auf, den Satz aus seiner normalen "Gebildestruktur" zu begreifen. Auch hier stellt Lerch wieder das intonatorische Kriterium in den Vordergrund und argumentiert, was verbalen Äußerungen jeder Form und Länge "die 'Gebildestruktur' des vollständigen Satzes verleiht, ist die Stimmführung" (Lerch 1938: 153).

Mit dieser starken thematischen Fokussierung auf das "Problem des Satzbegriffes" (Lerch 1939a: 111) und das Kriterium der "Stimmführung" ist Lerchs Besprechung recht deutlich als Nebenprodukt seiner ein Jahr zuvor veröffentlichten Syntax-Abhandlung zu erkennen. Offenbar hatte er den sechsten Band der Travaux zur Hand genommen, vor allem um die dort abgedruckten Artikel für seine Diskussion des Satzbegriffs auszuwerten. [20] "Auf die zahlreichen Beiträge zur Phonologie" (ebd.: 113) könne er demgegenüber nicht näher eingehen. Gleichwohl lässt es sich Lerch nicht nehmen, in seiner Besprechung ganz allgemein darzustellen, "was die Phonologie erstrebt" (ebd.). Diese Darstellung ist für sein Verhältnis zum Prager Strukturalismus bzw. für seine Auffassung von Funktionalismus sehr bezeichnend. Ausgangspunkt für Lerchs Erläuterungen ist Henrik Beckers Eindeutschung des Phonembegriffs als "Sinnlaut". Mit Becker (1936: 20) bestimmt er die Phonologie wie folgt:

Die Phonologie ist demnach diejenige Disziplin, die die Frage behandelt, welche Sinnlaute und Sinntöne eine Sprache besitze und was sie damit mache. (Lerch 1939a: 109)

Um zu erläutern, was ein Phonem bzw. "Sinnlaut" sei, hält er sich in Trubetzkoys Text zur "Aufhebung der phonologischen Gegensätze" (Trubetzkoy 1936) ausgerechnet an eine kurze Fußnote, in der auf den marginalen Sonderfall einer stilistischen Beschränkung einer Aufhebung einer phonologischen Opposition im Deutschen hingewiesen wird. Lerch referiert und resümiert:

Im Deutschen ist der Gegensatz zwischen s und sch vor Konsonant so aufgehoben, daß im Wurzelanlaut nur sch steht (z.B. bestellen), im Wurzelauslaut dagegen nur s (z.B. bestens). Diese Formel hat aber bemerkenswerte Ausnahmen in Skandal, Sklave, Smoking, Snob, Sphäre, Szene usw. ist das s vor Konsonant 'Signal des Fremdworts' [Zitat Trubetzkoy], in Würschtel, Kaschperl, Droschke, es ist mir Wurscht ist das sch Signal für den dialektischen oder vulgären Charakter der betreffenden Wörter. Also hat das Phonem einen 'Sinn': es ist ein Sinnlaut. (ebd.: 113)

Der "Sinn" eines Phonems zeigt sich für Lerch also "am klarsten" (ebd.) just an einem Lautunterschied, der darstellungsphonologisch irrelevant ist und in den Bereich der Lautstilistik fällt. Hier ist förmlich mit Händen zu greifen, wie stark der eigene Interessenfokus Lerchs, für dessen diachronische Interpretationen die Differenzierung von Schrift- und Vulgärsprache stets eine Schlüsselstellung innehatte, die Lektüre seiner ganz anders ausgerichteten Textvorlage leitet. Aber Lerchs Auslegung der 'Sinnhaftigkeit' der sprachlichen Laute entfernt sich noch weiter von der Phonologie Trubetzkoyscher Prägung, wenn er gleich darauf aus einem anderen Text des Bandes (Regula 1936) [21] - wiederum aus einer Fußnote - ein Beispiel für Lautsymbolik herausgreift. Auch das häufige "b- in den französischen Wörtern, die ein Gebrechen bezeichnen", wird als Beleg herbeigezogen, dass ein Laut als "Sinnelement" (ebd.: 114) fungieren könne. "Symbolische Kraft" entfalte aber auch die Lautgestalt bestimmter Wörter, auch für diesen Fall von Laut-Sinn bringt Lerch neben eigenen Beispielen Belege aus dem Travaux-Band, die in dem entsprechenden Text von Emil Utitz aber auf vielfältige Weise relativiert waren (Utitz 1936: 151-152). Trubetzkoy hatte seinen Beitrag zu den Travaux 6 auf die Schlussbemerkung zu laufen lassen, vor der Sprachwissenschaft eröffneten sich "weite Perspektiven",

sobald man nicht die einzelnen Phoneme (oder sogar Laute) sondern die Gegensätze ins Auge faßt, deren Glieder diese Phoneme sind, und deren gegenseitige Beziehungen die phonologischen Systeme bilden (Trubetzkoy 1936: 45).

Lerchs "Sinnlaute" stehen nicht in Oppositionen, ihr jeweiliger "Sinn" bestimmt sich nicht aus dem phonologischen System. Im Bereich des Lautlichen sieht seine Sprachwissenschaft vor allem dort eine weiterführende Perspektive, wo sie Phänomene der Lautstilistik und Klangsymbolik ins Auge fasst. Dessen ungeachtet fühlt sich Lerchs Frage nach dem "Sinn" sprachlicher Mittel der in Prag gestellten Frage nach deren "Funktion" grundsätzlich verwandt. Sowohl die Travaux-Beiträge zur Syntax wie die zur Phonologie bindet Lerch in seiner Besprechung an eigene - frühere - Texte zurück und reiht sich somit demonstrativ in den sprachwissenschaftlichen Diskussionskontext des Bandes ein. Auch im Bereich der Literaturwissenschaft unterstreicht er die Übereinstimmung im Grundsätzlichen. René Welleks Aufriss einer "theory of literary history" (Wellek 1936)

stimmt zu der Forderung Voßlers, Kunstwerke müßten als zielstrebige Lösungsversuche tatsächlich vorhandener und notwendiger ästhetischer Probleme wissenschaftlich ernst genommen und geprüft werden [...], und zu meinen Ausführungen über Literaturgeschichte als Wissenschaft im Lit.-Blatt 1914 [...] und in der Neuen Rundschau 1916 [...]. (Lerch 1939a: 114) [22]

Ein Beitrag des Travaux-Bandes sperrt sich allerdings gewissermaßen ausdrücklich gegen Lerchs wissenschaftsdiplomatische Einvernahme. Josef Korínek beschränkt in seinen "Betrachtungen über Sprache und Sprechen" die Aufgabe des Linguistik rigoros "auf das womöglich Überindividuelle, Kollektive" (Korínek 1936: 27) und begrenzt deren Erkenntnisgegenstand damit ausschließlich auf "Systeme einzelner Nationalsprachen oder [auf] das System der Sprache im allgemeinen" (ebd.: 26). Koríneks Vorbehalte gegenüber "psychologisierenden Ausdrücken" (ebd.: 27), sein an der Physik orientierter Begriff sprachwissenschaftlicher Gesetze und seine Polemik gegen die "leere Mystik" der Betonung "sprachschöpferischen Vermögens sprechtätiger Individuen" (ebd.: 29) bei der Erklärung des Sprachwandels sind offensichtlich unmittelbar gegen typische Argumentationsweisen aus dem Umfeld der Vossler-Schule vorgetragen. Diesem Rigorismus einer Langue-Linguistik begegnet Lerch nun nicht seinerseits mit einfacher Zurückweisung, sondern er versucht ihn in einen umfassenderen Gegenstandsbegriff der Sprachwissenschaft aufzuheben:

Gewiß soll die Linguistik bemüht sein, überindividuelle ('gesetzmäßige') Erscheinungen festzustellen; aber in der Sprache sind die 'Ausnahmen' ebenso wichtig wie die 'Gesetze'. [...] Wer nur die Sprache untersucht, wird das Wesen der Sprache niemals erfassen. (Lerch 1939a: 110-111)

Das einschränkende "nur" des letzten Satzes öffnet den argumentativen Raum für Lerchs methodologischen Kompromiss, der einer linguistischen Stilistik[23] und Wissenschaft vom schöpferischen Sprechen einen Platz neben der strukturalen Analyse des Sprachsystems sichern soll und beide wissenschaftlichen Zugänge für kompatibel erklärt.

Koríneks strikte Zurückweisung psychologistischer bzw. idealistischer Erklärungen aus dem Bereich der Linguistik stuft Lerch denn auch als nur oberflächliche und gleichsam private Abweichung von der gemeinsamen Lehre der Prager Schule ein:

Es ist dies nicht das einzige Beispiel dafür, daß die Mitglieder des Prager Kreises zwar in der Grundanschauung übereinstimmen, in den Einzelheiten aber divergieren. (ebd.: 109)

Auch Lerchs neue Sprachwissenschaft darf daher für sich reklamieren, mit den "Grundanschauungen" der Prager Schule überein zu stimmen.

Die 'Übereinstimmung in den Grundanschauungen' wird in Lerchs Rezension an exponierter Stelle sodann selbst zum Thema. Seine Besprechung wird regelrecht eingerahmt durch zwei Passagen, in denen der besondere Gruppenzusammenhang der Prager Schule der Linguistik herausgestrichen wird. Offenbar ist dieser Punkt für Lerch von ganz besonderem Interesse. Er eröffnet seine Besprechung mit den Worten:

24 Arbeiten von verschiedenen Gelehrten, den verschiedensten Gebieten der Sprach- und Literaturwissenschaft gewidmet - und doch von dem gleichen Geiste beseelt. Dieses Gemeinsame liegt darin, daß die Sprache (und die Literatur) als Struktur und als Funktion betrachtet wird [...] (Lerch 1939a: 108)

In den Sammelbänden der Travaux verwirklicht sich eine Konzeption von interdisziplinärer und gemeinschaftlicher Arbeit, die auch im deutschen Wissenschaftsmilieu als Gegenbild zur positivistischen Zersplitterung des Wissenschaftsbetriebs hohe Aktualität hatte. In Ehlers (2000) zeige ich, dass der Prager Linguistik-Zirkel um 1930 zum institutionellen Vorbild für die Lehre und Forschung in der kulturkundlichen Slawistik der Deutschen Universität Prag wurde. Dass die idealistische Neuphilologie in Deutschland schon Jahre zuvor einer ähnlichen Konzeption von Forschungsgemeinschaft nachhing, ist an der Titelgebung und den manifestartigen Vorworten ihrer Sammel-Veröffentlichungen abzulesen. Die programmatisch weite Ausdehnung des Forschungsgegenstandes, der wie im Prager Zirkel die "verschiedensten Gebiete der Sprach- und Literaturwissenschaft" umfasste, wurde hier durch die emphatische Aktualisierung des Begriff "Philologie" ausgedrückt und in alle Titel gerückt. [24] Den Titel des Jahrbuchs für Philologie rechtfertigten seine Herausgeber Eugen Lerch und Victor Klemperer 1925 damit, dass hier das Wort Philologie "in dem alten, großen und geistigem Sinne" genommen werde, in dem es "die gesamten geistigen Inhalte der Vergangenheit" (Klemperer/Lerch 1925) umschließe. Die gemeinschaftliche Verbundenheit "im gleichen Geiste" wurde in der 'revolutionären' Frühzeit der Gruppe noch in militärischer Metaphorik als Zusammenschluss zu einer "Kompanie" (Klemperer/Lerch 1922) verbildlicht. Der Titel der Vossler-Festschrift, Idealistische Neuphilologie, sei "wie eine Fahne", unter der man sich versammle, um gegen die positivistischen "Feinde" (ebd.) zu ziehen. Fünf Jahre später, nach der Erfahrung vielfältiger und mitunter schmerzlicher Fraktionierung, wird das ehemalige Pathos der Gemeinschaft nur noch in pluralistisch geläuterter Form vorgetragen. Die Umbenennung des Jahrbuchs für Philologie in Idealistische Philologie signalisiert dabei weiterhin eine Übereinstimmung im methodologischen Grundsatz. Aber der Zeitschriftentitel will "kein Parteititel und kein Kampfruf" (Klemperer 1927: 3) mehr sein:

Jede Arbeit, welcher Schule auch immer, hat hier Platz, sofern sie nur jenes Bewußtseins [dass idealistische Philologie "im Sprachkörper das Geistige sucht"] nicht entbehrt oder ausdrücklich entbehren will. Unter den einzelnen Beiträgern soll durchaus Freiheit herrschen. Lerch ist in manchen Dingen nicht meiner Meinung, und ich unterschreibe nicht jeden seiner Sätze; dennoch sind wir uns in jenem Wesentlichsten einig, und deshalb gehen wir zusammen. Und so - hier darf ich zum Plural greifen - so möchten wir in unserer Zeitschrift mit jedem Philologen zusammengehen, dem der Idealismus, dem ein geistiges Ziel Selbstverständlichkeit bedeutet. (ebd.)

Doch der Versuch, die plurale Zusammenarbeit im Wesentlichsten gleichgesinnter Idealisten im weiten Feld zwischen Sprach- und Literaturwissenschaft in Form einer Zeitschrift dauerhaft zu institutionalisieren, scheiterte. Im Jahr 1928 kam das letzte Heft der Idealistischen Philologie heraus. Um so bemerkenswerter erschien ihrem ehemaligen Mitherausgeber Lerch offenbar, dass ein vergleichbares wissenschaftliches Projekt andernorts so erfolgreich war. Ans Ende seiner Besprechung des Travaux-Bandes stellt Lerch den folgenden Absatz:

Abschließend sei nochmals auf die denkwürdig enge Zusammenarbeit hingewiesen, die die auf so verschiedenen Gebieten tätigen Mitglieder des Prager Kreises vereinigt. So sagt Wellek am Schluß seines Aufsatzes über die Theorie der Literaturgeschichte, er benutze darin auf Schritt und Tritt die Forschung von J. Mukarovsky und R. Jakobson (der letztere ist in dem Band mit einem 'Beitrag zur allgemeinen Kasuslehre' vertreten), und der Verf. des Aufsatzes über persische Metrik [Jan Rypka] bekennt, wieviel für diesen Aufsatz er der Mitarbeit lieber Freunde verdanke, unter denen er wiederum R. Jakobson nennt. Da denkt man unwillkürlich an die Worte, die Goethe am 3. Oktober 1928 an Eckermann richtete, über den 'Globe' und darüber, wie seine Mitarbeiter alle von Einem Sinne durchdrungen seien. (Lerch 1939a: 115)

Die Parallelsetzung der Travaux du Cercle Linguistique de Prague mit der englischen Zeitschrift Globe aus der Goethezeit bringt mehr Aspekte ins Spiel, als hier im letzten Satz der Rezension ausdrücklich genannt werden. Lesen wir nach, was Eckermann seinen Goethe an der von Lerch bezeichneten Stelle sagen lässt:

"Was aber die Herren vom 'Globe' für Menschen sind", begann Goethe wieder mit einigem Feuer, "wie die mit jedem Tage größer, bedeutender werden und wie alle wie von einem Sinne durchdrungen sind, davon hat man kaum einen Begriff. In Deutschland wäre ein solches Blatt rein unmöglich. Wir sind lauter Partikuliers, an Übereinstimmung ist nicht zu denken; jeder hat die Meinungen seiner Provinz, seiner Stadt, ja seines eigenen Individuums, und wir können noch lange warten, bis wir zu einer Art von allgemeiner Durchbildung kommen." (Eckermann 1988: 244)

Lerchs Anspielung auf Eckermann und Goethe eröffnet einen melancholischen Blick auf die "Krisenpolyphonie" (Knobloch im Druck) der nachpositivistischen Sprachwissenschaft in Deutschland, in der auch die Gruppe der idealistischen Neuphilologen keine geschlossene und weithin verbindliche Position aufzubauen vermocht hatte. Auch für die Zukunft zeichnete sich in diesem Bild methodologischer Parteiungen für das deutsche Wissenschaftsmilieu offenbar keine einheitliche Perspektive ab. Vor diesem Hintergrund stechen 'die Herren von den Travaux' nicht nur durch ihre enge und einsinnige Zusammenarbeit heraus. Sie werden gerade auch wegen dieser Form von Zusammenarbeit "mit jedem Tag größer, bedeutender". In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre hatte der Prager Linguistik-Zirkel bereits ein internationales Prestige erworben, das einem engagierten Vertreter "neuer Sprachwissenschaft" aus Deutschland Bewunderung und Begeisterung abnötigen musste. Lerch hatte in ihm einen neuen, einflussreichen Koalitionspartner für seine Wissenschaftsdiplomatie entdeckt.

Im Jahr 1939 richtete sich Lerch aber auch auf andere Gruppierungen des internationalen Strukturalismus aus. In einer Rezension zu Viggo Brøndals Le Français, Langue Abstraite stellt er mit Genugtuung fest, dass der Verfasser trotz einer "so verschiedenen Methode zu den gleichen Ergebnissen gelangt ist wie ich selbst" (Lerch 1939b: 340). Eine Annäherung an die Kopenhagener Schule des Strukturalismus erfolgte 1939 ganz handfest auch auf editorischer Ebene. Am ersten Band der von Hjelmslev und Brøndal herausgegebenen Zeitschrift Acta linguistica beteiligte sich aus Deutschland neben Eberhard Zwirner nur Eugen Lerch, der hier mit einem Text zum "Wesen des sprachlichen Zeichens" auftrat (Lerch 1939c). Auf diesen Text, in dem Lerch sich nun auch direkt mit dem Cours de linguistique générale auseinandersetzt und unter anderem lautsymbolische und psychologische Phänomene als Belege gegen Saussures Arbitraritätsprinzip vorbringt, soll hier nicht näher eingegangen werden. Festgehalten sei nur die bemerkenswerte Tatsache, dass die Kopenhagener "Revue internationale de linguistique structurale" (so der Untertitel von Acta linguistica) unter ihre ersten Beiträger gerade einen herausragenden Repräsentanten der deutschen idealistischen Sprachwissenschaft aufnahm und diesen in eine mehrere Nummern übergreifende Diskussion zur Theorie des Zeichens einreihte. Weniger erstaunlich ist, dass Lerch im selben Jahr auch mit einem Artikel in der Festschrift für Charles Bally vertreten ist (Lerch 1939d). Immerhin steht Lerchs Beitrag, der im übrigen keinerlei explizite Anknüpfung an strukturalistische Arbeiten versucht, auch hier im Kontext gewissermaßen der versammelten Prominenz der strukturalen Sprachwissenschaft der Zeit: neben Texten von Sechehaye, Trubetzkoy, de Groot, Jakobson, Tesnière, Havránek, Karcevskij, Brøndal, Mathesius und anderen. Lerchs Versuch, 1939 auch persönlich auf einem Forum der internationalen Sprachwissenschaft aufzutreten, scheiterte an den politischen Umständen. Er hatte auf dem geplanten Fünften Internationalen Linguistenkongress in Brüssel einen Vortrag über "Satzdefinition und Stimmführung" angemeldet, dessen Abstract bereits in den Résumés des communications der Kongressleitung abgedruckt wurde (Lerch 1939e) [25]. Das Wissenschaftsministerium verweigerte Lerch aber die Teilnahmeerlaubnis [26], und der Kongress wurde unmittelbar vor seinem geplanten Beginn wegen des Kriegsausbruchs überhaupt abgesagt.

Auch in den folgenden Kriegsjahren positionierte sich Lerch aber in polemischen Konstellationen, die schon in den zwanziger Jahre aufgemacht worden waren, und weiterhin bemühte er die in den dreißiger Jahren geknüpften internationalen Koalitionen. An seinem langjährigen Widersacher Ernst Gamillscheg demonstrierte er beispielsweise, "wie verhängnisvoll es sich auswirken kann, wenn jemand eine historische Untersuchung anstellt, bevor er die für diese Untersuchung benötigten sprachlichen Kategorien deskriptiv, d.h. ihrem Wesen oder ihrer Funktion nach untersucht hat." (Lerch 1941: 254). Lerch selbst stilisiert sich hier als Anhänger "der funktionellen Sprachwissenschaft" und seinen Lehrer Adolf Tobler als deren unerkannten Vorläufer. Hauptgewährsmänner dieser linguistischen Richtung sind aber wieder Marty und Saussure, die "der historischen Sprachforschung die deskriptive oder funktionelle gegenübergestellt und gefordert haben, dass die deskriptive der historischen vorangehe" (ebd.: 244, Anm. 1). Gegen eine historische Sprachwissenschaft, die den Sprachwandel "als etwas rein Zufälliges" (Lerch 1940a: 438) auffasst, forderte Lerch an anderer Stelle, es sei "die Mitwirkung des Bewußtseins anzuerkennen", und er beruft sich mit dieser Forderung auf den sechsten Band der Travaux:

Es gilt hier, was René Wellek von der Entwicklung in der Literaturgeschichte sagt: 'Without teleology there is no concept of evolution.' (ebd.) [27]

Die zunächst an Jost Trier geschulte "wahrhaft geschichtliche" Sprachforschung Lerchs sucht sich hier zusätzliche Bestätigung im teleologischen Entwicklungskonzept der Prager Schule. Weitere Beispiele für die großzügig Differenzen überbrückende Koalitionsdiplomatie ließen sich in Lerchs erstaunlich umfangreichen Werk der vierziger Jahre leicht benennen. Sie sind allerdings über die meist auf das grammatische oder lexikalische Detailproblem konzentrierten Arbeiten weit gestreut, programmatische Äußerungen finden sich eher in Rezensionen. [28]

Während Lerchs Annäherung an den internationalen Strukturalismus aus heutiger Sicht teilweise abwegig erscheint, ist sie von Zeitgenossen durchaus als berechtigt und sachgemäß wahrgenommen worden. Kaspar Rogger, der wenig später eine sehr umfangreiche Kritik zu Saussure und Trubetzkoy vorlegen sollte, stellte die Syntaxforschung Lerchs ohne weiteres an die Seite der Phonologie. Beide nennt Rogger nicht nur als Bereiche der "praktischen Sprachforschung", in denen "neue Fragen" gestellt würden, sondern er vereint sie regelrecht unter dem Oberbegriff "Strukturalismus, der für die Laute wenigstens gepflegt wird von den Phonologen unter Führung des Fürsten Trubetzkoy, für die Syntax von der heute herrschenden Richtung, die immer versucht, das Einzelproblem in das Wesen der Sprache (Lerch) oder doch wenigstens in allgemeine Tendenzen hinüberzuführen" (Rogger 1939: 84, 85). Nähe zum Strukturalismus wurde Lerch sogar in Prag zugestanden. In einem kurzen Bericht über neue "Literatur über die Phonologie und über die funktionale Linguistik" verzeichnete die "Zeitschrift des Prager Linguistik-Zirkels", Slovo a slovenost, 1943 auch eine einschlägige Aussage Lerchs:

Nemecky romanista Eugen Lerch ocenuje funkcni jazykopyt takto: "Funkcni jazykopyt ma tu vyhodu, ze se vzdy tyka zakladnich problemu, kdezto historicky jazykopyt se casteji ztraci v otazkach podradnych." (L[yer] 1943: 56)

Der deutsche Romanist Eugen Lerch bewertet die funktionale Linguistik folgendermaßen: "Die Untersuchungen zur funktionellen Sprachwissenschaft haben den Vorzug, dass es stets um Wesentliches geht (während die historische Sprachwissenschaft sich öfters ins Anekdotische verliert). [29]

Auch der Prager Linguistik-Zirkel suchte Bestätigung bei Autoritäten im Ausland und sah bei der Auswahl seiner Gewährsleute über fachliche Differenzen oft großzügig hinweg. [30]

Am Beispiel Lerchs erweist sich sehr deutlich, dass unter den Anhängern einer 'neueren' Sprachwissenschaft in den zwanziger und dreißiger Jahren das Streben nach interner Abgrenzung im Zweifelsfall hinter das Bewusstsein geteilter Positionen gegenüber gemeinsamen Gegnern zurücktrat. Die internationale Anerkennung, die die Genfer, Prager und später auch Kopenhagener Schule des Strukturalismus erlangten, teilte sich früh auch dem Kontext der deutschsprachigen Linguistik mit. Die Entwicklung des Strukturalismus wurde hier als Bestätigung für die eigenen Neuerungsbestrebungen wahrgenommen, so dass der Verweis auf die internationale Linguistik schon bald eine wichtige Rolle in den Debatten um eine methodologische Umorientierung auch der deutschen Sprachwissenschaft gewann. Die idealistische Neuphilologie trat in diesen Anverwandelungsprozess vergleichsweise spät ein. Hier haben, das jedenfalls zeigt das Beispiel Eugen Lerchs, erst die geistesgeschichtlichen und nationenkundlichen Saussure-Interpretationen aus dem Umkreis der frühen Sprachinhaltsforschung die Brücke geschlagen, über die man sich der zunächst fernstehenden Linguistik der langue annähern konnte. Der Prager Strukturalismus bot mit seiner interdisziplinären Arbeitsweise und seinen funktionalistischen und teleologischen Argumentationen in den dreißiger Jahren dann weitere positive Anknüpfungspunkte. Die noch heute verbreitete Ansicht, die Entwicklung des Strukturalismus sei in Deutschland in der Zwischenkriegszeit nur in seltenen Ausnahmefällen überhaupt zur Kenntnis genommen worden (cf. Zwirner 1967), trifft also nicht einmal auf den anfangs sehr strukturalismusfernen Bereich der idealistischen Neuphilologie zu. Vielmehr wurde die rasch wachsende Bedeutung der strukturalen Schulen im internationalen Zusammenhang auch hier aufmerksam registriert - und wissenschaftsdiplomatisch im eigenen Sinne genutzt.

Im übrigen verweist das Beispiel Eugen Lerchs die These von der verspäteten deutschen Strukturalismusrezeption selbst an ihren wissenschaftsgeschichtlichen Ort. Hatte doch schon Lerch diese These bemüht, um sich als Neuerer gegenüber deutschen Fachkollegen zu profilieren, deren Kritik er auf schlichte Unkenntnis internationaler Diskussionen zurückführte und als Beweis methodologischer Rückständigkeit wertete. Ähnlichkeiten mit der heftigen Strukturalismusdebatte in der deutschen Linguistik der späten sechziger und siebziger Jahre sind unverkennbar. Hier wie dort sollte der Befund, dass weite Teile der deutschen Sprachwissenschaft den Anschluss an die internationale (strukturale) Linguistik verloren hätten, in erster Linie diejenigen positiv charakterisieren, die ihn verbreiteten. [31] Mit einer sachlichen Zustandsbeschreibung hatte dieser Befund jedenfalls in der Zwischenkriegszeit wenig zu tun. So hatte die These von der verspäteten deutschen Strukturalismusrezeption ursprünglich polemische Qualität, sie war ein rhetorisches Mittel der jeweiligen "Jungen" in der Auseinandersetzung um eine "neue deutsche Sprachwissenschaft" sowohl in den dreißiger wie in den siebziger Jahren, ehe sie - kaum geprüft - zur kanonischen Lehrmeinung über die jüngere Geschichte der Sprachwissenschaft in Deutschland sedimentierte. Dass sich selbst ein idealistischer Neuphilologe wie Eugen Lerch mit vorgeblich exklusivem Wissen um die Entwicklung des internationalen Strukturalismus als ein methodologisch "Junger" stilisieren konnte, belegt aber vor allem eins - das hohe Prestige des Strukturalismus schon in der deutschen Sprachwissenschaft der dreißiger Jahre.

 

Anmerkungen

1 Mit allerdings vorrangigem Bezug auf die deutsche Rezeption Saussures beispielsweise bei Thilo (1989), Hutton (1999: 15ff.) oder Knobloch (im Druck). [zurück]

2 Die Problematik der 'Verspätungsthese', in der sich Befunde zur Nachkriegszeit mit Behauptungen über die Vorkriegszeit vermischen und Aspekte der Rezeption - "Isolierung des Landes zur Zeit des Nationalsozialismus" (Albrecht 2000: 2) - mit Fragen der Wirkung - "'Scheinbefriedigung' strukturalistischer Bedürfnisse durch die Trier-Weisgerber-Schule" (ebd.) - überlagern, kann hier nicht in gebotener Differenziertheit diskutiert werden, cf. dazu meine Habilitationsschrift Rezeption und Wirkung des Prager Strukturalismus in der deutschen Sprachwissenschaft 1926-1945. [zurück]

3 Es geht mir in dieser Fallstudie vor allem darum zu untersuchen, wie sich Eugen Lerch als herausragender Vertreter der idealistischen Sprachwissenschaft in der zeitgenössischen Fachdiskussion positionierte. Die Sprachkonzeptionen Vosslers und Lerchs sollen daher nicht im Einzelnen und in ihrer Entwicklung beleuchtet werden. Aus der Literatur zu Karl Vossler sei auf die neueren Arbeiten von Bochmann (1999) und Trabant (2000) verwiesen. Die umfassendste Arbeit zu Lerch ist die unveröffentlichte Magisterarbeit von Schoo (1997), die um eine vervollständigte Bibliographie seiner Werke und einen wertvollen Textanhang ergänzt ist. Als Gesamtdarstellung der idealistischen Neuphilologie ist Christmann (1974) immer noch brauchbar. Anlage und Zielsetzung des Buches, das sich um eine Ehrenrettung der idealistischen Sprachwissenschaft über den Paradigmenwechsel zum amerikanischen Strukturalismus hinweg bemüht, sind aber stark an den Kontext seiner Erscheinungszeit gebunden. Wenn hier die Verbindungen der idealistischen Neuphilologie zum zeitgenössischen Strukturalismus betrachtet wird, dann nicht um eine bleibende Modernität der Vossler-Schule zu belegen, sondern um eingefahrene Darstellungen von der deutschen Sprachwissenschaft der Zwischenkriegszeit zu korrigieren. [zurück]

4 Zum politischen, pädagogischen und fachlichen Kontext des kulturkundlichen Französischunterrichtes cf. Trabant (1981) und Bott (1982). In der Mitte der zwanziger Jahre beschrieb Klemperer (1925) sehr plastisch, wie im Fachdiskurs "das Aschenbrödel Kulturkunde zur Prinzessin geworden" (ebd. 438) war: "Und dann plötzlich [...] war Kulturkunde Trumpf. Sie war modern. Alles sprach von ihr, alles huldigte ihr. Zeitschriften und Bücher, Kongresse und Reformpläne handelten von ihr, und es dürfte heute wenige Hörsäle und Klassen geben, in denen Kulturkunde nicht eine Rolle spielt." (ebd.: 437). [zurück]

5 Hatte es Rohlfs 1926 bei einer überheblichen Aburteilung der gesamten neuen Richtung bewenden lassen (Rohlfs 1926), so sah er sich wenig später offenbar doch genötigt, einmal zusammen zu stellen, was aus 'positivistischer Perspektive' zur kulturkundlichen Umorientierung seines Faches beizutragen wäre. Er erhofft sich in erster Linie von wortgeschichtlichen und wortgeographischen Untersuchungen kulturkundliche Ergebnisse, die "vom Standpunkt des exakten Wissenschaftlers erreichbar scheinen" (Rohlfs 1928: 33). [zurück]

6 Dokumente zu der "schweren, wissenschaftlich begründeten Vertrauenskrise" zwischen Vossler und Klemperer bringt Hausmann (1996). In der dort abgedruckten Privatkorrespondenz thematisiert Klemperer sehr deutlich auch seine, ebenfalls fachlich begründete Entfremdung von Lerch. [zurück]

7 "Die Alten und die Jungen" lautet ein einschlägiger Titel des "Alten" Otto Behaghel (1926), der seine Kritik an den "Jungen" in Behaghel (1928) noch zuspitzte. [zurück]

8 Vossler wird in den Verrissen der idealistischen Neuphilologie meist glimpflicher behandelt als seine Schüler, so bei Leo Jordan: "Aber was bei Vossler herablassende Nachlässigkeit des Kunsthistorikers war, den ein Amt zwang, sich mit Sprachwissenschaft zu befassen - das ist bei seinen Schülern Schwäche und Unvermögen" (Jordan 1925: 94). Gegenüber "der tiefen Intuition ihres Meisters" sind auch für Rohlfs die Vossler-Schüler "nur stümperhafte Epigonen" (Rohlfs (1926: 136). Bemerkenswerterweise wird gerade Lerch auch innerhalb der idealistischen Neuphilologie als Epigone Vosslers bewertet, als "weiches Wachs", das Vosslers "Prägung getreu, nur etwas vergröbert u. verschwommen wiedergibt" (aus einem Brief Klemperers von 1924, zit. bei Hausmann 1996: 66ff.). In den Generalabrechnungen mit der idealistischen Neuphilologie, wie bei Jordan, Rohlfs oder Jaberg (1926), wird die 'epigonale Stümperhaftigkeit' in erster Linie an Lerchs sprachwissenschaftlichen Arbeiten vorgeführt. Lerch beklagte sich denn auch, dass für Gedankengänge, "die wir Jüngeren allgemein vertreten, [...] ich (nur ich!) [...] in einer bislang beispiellosen Weise angegriffen worden bin" (Lerch 1927c: 332-333). [zurück]

9 Die Zitate im Zitat entstammen Rohlfs (1926), seine zweiundzwanzig kleingedruckte Seiten messende Anti-Polemik nennt Lerch im Untertitel "eine notgedrungene Abwehr". [zurück]

10 Lerch geht hier den schon bei Vossler (1904) vorgezeichneten Weg des nur "methodologischen Positivismus", der die historisch gesicherte Basis für die idealistischen Interpretationen liefern soll und dem selbstgenügsamen, "radikalen" oder "metaphysischen Positivismus" entgegengesetzt wird. [zurück]

11 Einen passagenweise wortgleichen, aber kürzeren Aufriss für dieses Vorhaben hatte Lerch schon 1928 im Handbuch der Frankreichkunde vorgestellt, das bald darauf in zweiter Auflage herauskam, cf. Lerch (1930). [zurück]

12 Das Zitat im Zitat stammt von Jost Trier. [zurück]

13 Schalk (1936: 134), schon 1932 hatte Schalk mit dem Verweis auf die Erkenntnisse der Wortfeldforschung gegen eine Wesenskunde nach der Art Eduard Wechsslers polemisiert, Schalk (1932: 56ff.). Lerch dürfte diese Polemik seines Fachkollegen gekannt haben, dennoch beruft er sich in Lerch (1933a) weiterhin auf Wechssler und übergeht Trier. [zurück]

14 Lerch stützt sich hauptsächlich auf Trier (1934) und Wartburg (1934). [zurück]

15 Die Zitat findet sich, abweichend nur in der Zeichensetzung und natürlich ohne die Hervorhebung, bei Wartburg (1934: 247). [zurück]

16 Dass diese Bestrebungen zeitlich leicht verzögert mit ähnlichen Entwicklungen innerhalb der Prager Schule parallel gingen, habe ich in Ehlers (1997) gezeigt. [zurück]

17 Schon im Jahr des Machtwechsels hatte Lerch gezeigt, wie die Erkenntnisse seiner Nationenkunde, umgesetzt im gymnasialen Unterricht, daran mitwirken könnten, "deutsche Menschen zu einer Volksgemeinschaft zusammenzuschweißen" (Lerch 1933b: 193). Indem der kulturkundliche Französischunterricht "den französischen Kollektivismus" (ebd.: 196) herausarbeite, könne der zu schädlichem Individualismus tendierende "Deutsche Hilfe bei dieser Aufgabe der Einordnung, der Selbstdisziplinierung" (ebd.: 198) finden. Auch wenn diesem Text zweifellos seine ideologische "Servilität" (Kramer 1988: 72) vorzuhalten ist, gilt es doch zu berücksichtigen, dass Lerch hier ähnlich wie Wartburg (1934) bestrebt war, mit systemkonformen Argumenten die Bedeutung des Französischunterrichts heraus zu stellen und so seinem Fach den im Nationalsozialismus unmittelbar bedrohten schulischen Rückhalt zu sichern (zur rasch herabgedrückten Rolle des Französischunterrichts nach 1933 cf. Hausmann 2000: 59ff.). Jedenfalls im Fachdiskurs sind solche gezielten Anbiederungen an die neuen Machthaber bei Lerch deutlich die Ausnahme geblieben (da seine umfangreiche Feuilletontätigkeit wahrscheinlich noch nicht vollständig erfasst ist, ist allerdings nicht ganz ausgeschlossen, dass hier noch weitere böse Überraschungen lauern, cf. Christmann (1990): 79-80). Die Betonung von Blut und Boden ist der Volksgeistkonzeption seiner Nationenkunde aber eindeutig aufgesetzt, und Lerch zitiert sie 1934 nicht zufällig von einem anderen Autor herbei. Soweit ich sehe, bringt er nur 1944 für einen explizit gegenaufklärerischen Gemeinschaftsbegriff, der als 'Wesens- oder Seelengemeinschaft' gefasst wird, auch "blutsmäßige Verbundenheit" (Lerch 1944a: 106) in Anschlag. Insgesamt würde ich Eugen Lerch mit Knobloch (im Druck) in der zeitgenössischen deutschen Sprachwissenschaft eher "zur 'unteren' Selbstanpassungslinie zählen". [zurück]

18 Dass Trier als neuer Leiter des Germanistischen Seminars in Münster sehr bald mit dem Leiter des dortigen Romanischen Seminars in Kontakt trat, kann als sicher gelten. Ob und wie weit es auch zu einem fachlichen Austausch zwischen beiden kam, lässt sich den (allerdings ausschließlich amtlichen) Dokumenten des Universitätsarchivs Münster nicht entnehmen. Heike Schoo, die Zugang zum privaten Nachlass Lerchs hatte, berichtet in ihrer Magisterarbeit nichts über Kontakte zu Trier, blendet in ihrer Darstellung aber den zeitgenössischen Diskussionszusammenhang von Lerchs Arbeiten ohnehin weitgehend aus (Schoo 1997). Belegbar ist einstweilen nur, dass Trier sich als Dekan nach der Entlassung Lerchs im Jahr 1935 für ihn einsetzte. Er befürwortete den Antrag Lerchs, das Romanische Seminar in Münster zu Forschungszwecken weiter nutzen zu dürfen, und er setzte sich außerdem "auf das wärmste" dafür ein, "daß wirtschaftlich für ihn so ausreichend gesorgt werde, daß er weiterhin sich der Forschung widmen kann." (Schreiben Triers vom 9.5.1935 und Schreiben des stellv. Univ.-Kurators vom 24.5.1935, Univ.-Archiv Münster/ Kurator/ Pers.-Akten 3). Ich danke Frau Müller-König und Herrn Robert Giesler vom Archiv der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster für die Unterstützung meiner Recherchen. [zurück]

19 An dieser Stelle wird namentlich auch auf den langjährigen Widersacher Ernst Gamillscheg verwiesen, der aus Unkenntnis der Prager Phonologie "die Arbeit von G. Gougenheim, Éléments de Phonologie française [...] in seiner Zeitschrift mit Spott und Hohn abfertigt" (ebd.). [zurück]

20 Schon in Lerch (1938) verweist der Autor gelegentlich auf den sechsten Band der Travaux. Nichts deutet übrigens darauf hin, dass Lerch je in direkten Kontakt mit Angehörigen der Prager Schule getreten wäre, Archivrecherchen in Münster und Prag erbrachten hier keinerlei Hinweise, auch in veröffentlichten Quellen findet sich einstweilen keine Spur einer persönlichen Verbindung. [zurück]

21 Dass der Brünner Realgymnasialprofessor Moritz Regula (1888-1977), der der idealistischen Neuphilologie sehr nahe stand und beispielsweise Lerchs Arbeiten immer wieder positiv rezensierte, mit einem Beitrag in einen Band der Travaux aufgenommen wurde, zeigt, dass die Prager Schule sich ihrerseits nicht allzu scharf nach außen abgrenzte. [zurück]

22 Diese Parallele kann hier nicht weiter verfolgt werden. Der zweite literaturwissenschaftlicher Beitrag, den Lerchs Rezension eingehender kommentiert, betrifft lediglich Detailfragen der Interpretation von Goethes Faust (Fischer 1936). [zurück]

23 Dass Korínek die Stilistik gar nicht grundsätzlich "aus der Linguistik ausgeschaltet wissen" (Lerch 1939a: 109) wollte, sondern sie (allerdings nur andeutungsweise) als Untersuchung der "sog. 'funktionellen' Sprachen" (Korínek 1936: 28) in den Gegenstandsbereich der Sprachwissenschaft einbezog, überliest Lerch. [zurück]

24 An Vosslers idealistischem Ansatz erscheint Klaus Bochmann gerade die im breitem Philologieverständnis versuchte Zusammenführung von Literaturwissenschaft und Linguistik "untereinander und mit angrenzenden Disziplinen" (Bochmann 139) für eine moderne Romanistik 'aufhebenswert' (ebd.: 146). [zurück]

25 Dieser kleine Text wird auch in der um viele bislang nicht erfasste Titel erweiterten Bibliographie Lerchs in Schoo (1997) nicht verzeichnet. Eine vollständige Fassung seines geplanten Vortrages publizierte Lerch ein Jahr später offenbar in Leuvensche Bijdragen, cf. Schoo (1997: 197). [zurück]

26 Der inzwischen in Köln lebende Lerch hatte über den Rektor der Universität Münster beim Wissenschaftsministerium beantragt, man möge ihm die Teilnahme am 5. Internationalen Linguistenkongress gestatten. In "meiner Unkenntnis der einschlägigen Bestimmungen" reichte Lerch sein Schreiben erst am 13.8.1939 - also zwei Wochen vor Kongressbeginn - ein. Der damalige Rektor der Universität Münster, Mevius, leistete seinen eigenen Beitrag zum Scheitern dieses eiligen Antrags, indem er die erbetene Befürwortung mit dem Argument ablehnte, er vermöge "keine Stellung zu nehmen", da Lerch seit seiner Entlassung nach § 6 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums Anfang 1935 "dem Lehrkörper der Westfälischen Wilhelms-Universität nicht mehr an[gehöre]". Auch Lerchs briefliche Nachfrage beim Wissenschafts-ministerium vom 22.8., in der er darauf hinwies, dass sein Vortrag für den 28.8. anberaumt sei, half nichts mehr. Lerchs Antrag wurde mit Bescheid vom 4.9. (zwei Tage nach dem geplanten Schluss der Konferenz) als "zu spät hier eingegangen, um noch berücksichtigt werden zu können", abgelehnt. Der Schriftwechsel, dem auch die hier gebrachten Zitate entnommen sind, findet sich in Bundesarchiv/ REM/ 4901/ 2980: Bl. 496-498 und 558. [zurück]

27 Der Bezugstext ist Wellek (1936). [zurück]

28 Ein besonders deutlicher und später Beleg für Lerchs weiträumige Einvernahme 'neuer' Richtungen der Sprachwissenschaft zwischen Humboldt über den Prager Funktionalismus bis hin zur Sprachpsychologie sei hier noch angeführt: "Seit A. Marty und F. de Saussure [...] die Sprache als Sprechakt (als energeia) geschieden haben von der Sprache als objektives Zeichensystem (als ergon) sowie ferner zwischen deskriptiver und genetischer Sprachforschung, mehren sich die Arbeiten zur deskriptiven oder 'funktionellen' Sprachbetrachtung, die mit 'Sprachpsychologie' im wesentlichen zusammenfällt" (Lerch 1944b: 217). [zurück]

29 Der Wortlaut und die Zeichensetzung des deutschen Zitats von Lerch folgen dem Original in Lerch (1940b: 545). Verfasser des kurzen nur mit der Sigle "S.L." gekennzeichneten Literaturberichts ist mit hoher Wahrscheinlichkeit das Zirkel-Mitglied Stanislav Lyer, Professor am französischen Gymnasium in Prag. [zurück]

30 Der zitierte Literaturbericht ist Teil einer ganzen Reihe von ähnlichen Berichten, in denen Slovo a slovesnost ehrgeizig alle Belege für den internationalen Erfolg der Phonologie zusammenstellte. [zurück]

31 In den siebziger Jahren war der Bezugspunkt der nun "Jungen" selbstverständlich die aktuelle amerikanische Linguistik, nach dem Prinzip der polemischen Polarisierung wurde den "Alten" aber nicht nur vorgeworfen, diese aktuellen Entwicklungen ignoriert zu haben, sondern es wurde geleugnet, dass die deutsche Sprachwissenschaft jemals mit den Entwicklungen des Strukturalismus in Berührung gekommen wäre. Saussure wurde so zum Teil "als Kronzeuge gegen seine frühen Rezipienten benutzt" (Scheerer 1980: 41). [zurück]

 

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 Linguistik online 13, 1/03

ISSN 1615-3014